Kapitel 1

Langweilig. Das war alles, was mi dazu einfiel. Die erste Stunde, dann auch noch Deutsch und dann auch noch so langweilig. Ich hätte gern aus dem Fenster gesehen, und meinen Blick über die Landschaft schweifen lassen, aber das Fenster was leider viel zu verdreckt. Schemenhaft kann ich gerade noch so den Baum vor meinem Fenster erkennen. Na toll, Fensterplatz erkämpft und doch kein Panoramablick.                                                                                                                                            Auf der Fensterbank steht meine Wasserflasche. Träge steigen die Bläschen nach oben. Blubb.       Dem Rest meines Kurses geht es nicht anders. Jeder scheint etwas Besseres zu tun zu haben als den müden, eintönigen Worten unserer Lehrerin zu lauschen, die selbst den Eindruck macht, als sei sie gedanklich auf Ibiza. Bis auf die Streber-Schleimer in der ersten Reihe dösen alle vor sich hin. Die versuchen doch tatsächlich noch punktetechnisch über das ohnehin schon erreichte Maximum herauszugehen, indem sie sich interessiert Notizen machen und gelegentlich sinnlose Fragen stellen. Sorry sorry, aber das krieg ich heute nicht mehr auf die Reihe. Ich gähne müde vor mich hin, was zu einer Kettenreaktion an Gähnern durch den gesamten Kurs führt. Sinnlos. Das alles hier. Da hab ich mich fast 13 Jahre durch die Schule gequält, zum Schluss sogar drei miese Abi-Klausuren hinter mich gebracht nur um trotzdem noch jeden Tag hier an zu tanzen und meine Galgenfrist bis zu den mündlichen Prüfungen ab zu sitzen. Perfekt.                                                                                                  Ich ärgere mich bestimmt noch 20 Minuten über die Schule, das System und verfluche innerlich den Rektor – mit Worten, die, würden sie im amerikanischen Fernsehen wiedergegeben werden, ein einziger langer Piep Ton wären. So völlig in meinen Verfluchungen und Verwünschungen versunken merke ich gar nicht, wie meine Deutschlehrerin durch die Reihen geht, um unsere Produktivität zu überprüfen. Als sie schließlich vor mir steht und ich nichts vorzuweisen habe außer einer Karikatur von unserem Rektor, auf den von oben ein Flügel zu fallen droht, meint sie nur: „Sehr nett, aber Arbeitsauftrag verfehlt.“ Ich murmele eine flache Entschuldigung und kritzele munter drauf los. Mir ist klar, dass ich am Ende der Stunde meine Ergebnisse vorstellen muss und um einer epischen Blamage vor meinem Kurs zu entgehen haste ich durch die Aufgaben. Als ich gerade mit einer sehr flachen Nr. 2 zum Ende zu kommen scheine, klopft es an der Tür und ein verpickelter Siebtklässler, nach dem Aussehen her der Sekretariatshelfer Schrägstrich Schleimer-Nerd, betritt den Raum. Er stammelt irgendetwas von einer Entschuldigung wegen der Störung und kramt einen Zettel aus den Tiefen seiner Hochwasser-Cordhose hervor. Catherine Damen soll bitte umgehend ins Sekretariat kommen. Ich erwache zu neuem Leben. Euphorisch stopfe ich mein Zeug in die Tasche und sprinte los, nicht ohne meiner Deutschlehrerin noch mal ein fettes Grinsen entgegen zu schleudern.                                                                                       Auf dem Weg nach unten mache ich mir dann aber doch noch Sorgen. Ich bin zwar der öffentlichen Zurschaustellung meiner Faulheit entgangen, aber es muss etwas Wichtiges oder Schlimmes sein, dass ich einen persönlichen Pagen geschickt bekomme. Obwohl ich versuche, mich an den Gedanken, dass es etwas Wichtiges ist, zu klammern geht’s in meinem Kopf jetzt erst richtig los. Die eben noch eingetrockneten Neuronen-Bahnen werden nun von allen möglichen Szenarien überflutet. Doch lange kann ich mich nicht damit aufhalten, denn da sind wir auch schon im Sekretariat. Der Duft von schlechtem Kaffee und geplatzten Träumen weht mir entgegen. Die mürrische Sekretärin blickt kurz auf, mustert mich, das Exempel der Jugend von heute, schüttelt nur den Kopf und nickt in Richtung Büro des Rektors. Na toll, ich gehe mal davon aus, das ich Ärger am Hals hab, denn den Rektor wird mich  bestimmt nichtbestellt haben, um mir zu meinen eher durchschnittlichen Leistungen gratulieren. Dann muss es was anderes sein. Postapokalyptische Szenarien wehen durch mein Hirn. Vielleicht bin ich aber auch nur die Schlüsselfigur in einer weltweiten Verschwörung. Okay, in Stresssituationen kommt dann doch die Schädigung, die ich eindeutig durch die Hollywood-Filmindustrie davon getragen habe, zum Vorschein. Mein Verstand ist zerstört, so viel steht fest.                                                                                          Der Rektor sitzt hinter seinem Schreibtisch und ist anscheinend mit einem Formular von unglaublicher Wichtigkeit beschäftigt, welches von ihm nicht mal die Höflichkeit abverlangen kann, aufzuschauen. Die Jugend von heute mag ja frech und frei und das alles sein, aber die Jugend von gestern kennt keine Manieren und ist unhöflich. Während er noch beschäftigt zu sein scheint – ich interpretiere dieses zur Schau gestellte Desinteresse mal als Einschüchterungsversuch – mustere ich sein Büro. Dabei kommt mir nur ein Gedanke: Spießer. Kann ja sein, dass ich ein Freigeist bin, aber Raufasertapete, alte, muffige Teppiche, verstaubte Bilder aus vergangenen Zeiten und – definitiv die Krönung – sein Outfit sprechen eine eindeutige Sprache. Dieses Ensemble aus Hochwasserhose, braunen Sandalen mit grün-gelb karierten Socken, Limonen gelbem Hemd und Fliege schreien förmlich nach einer Früher-war-alles-besser-Mentalität.                                                                                                                   Nach gefühlten zwei Stunden, in denen ich mich frage, ob meine schulische Kariere auf den letzten hundert Metern nun doch den Bach runter geht, schaut er endlich auf, faltet seine Hände über dem eben noch so lebenswichtigen Formular und lächelt mich süffisant an. Innerlich stelle ich mich schon auf eine überheblich väterliche Rede ein, mit der er sogleich in dieses fröhliche Treffen einsteigt: „Catherine Damen, wir hatten ja bisher noch nicht das Vergnügen,“ sagt er und ich denke nur: „Danke du Penner, dass du das Gespräch in der fünften Klasse vergessen hast, wo ich mich über meine Englischlehrerin beschwert habe, weil sie mich vor meiner Klasse gemobbt hat. Und danke, dass du anscheinend keine englischen Namen aussprechen kannst. Sorry, meine Mama ist nun mal Engländerin.“ Schade, dass man Beamte nicht rauschmeißen kann. Der Druck, den Job verlieren zu können würde bei einigen Probanden sicherlich was an der Einstellung und an dem Verhalten ändern.                                                                                                                                                       Als ich nicht auf seinen Standardsatz antworte, fährt er fort: „Naja, es gibt ja immer ein erstes Mal.“ Okay jetzt ziehe ich innerlich eine Knarre und ballere wild durch dich Gegend. „Eben erhielt ich einen äußerst beunruhigenden Anruf von der Polizei“, säuselt er weiter. Als ich nur mit telepathischen Fragezeichen, die ihn scheinbar nicht zu erreichen scheinen, antworte seufzt er gekonnt theatralisch: „Für mich als Schulleiter“ (ja er erwähnt es nochmal, falls ich das Monsterschild direkt vor mir nicht bemerkt habe) „ist es immer traurig, wenn einer meiner Schüler auf die schiefe Bahn gerät.“ Das lasse ich nicht auf mir sitzen: „Ja es ist immer tragisch, wenn Schüler auf Lehrerparkplätzen parken und zu spät kommen“, pfeffere ich sarkastisch zurück. Seine eben noch aufgesetzt freundlich-mitleidige Miene friert nun völlig ein und wird schulleitermäßig ernst. „Sie halten das hier vielleicht alles für einen Scherz…“, setzt er an, wird jedoch von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Der Lockenkopf der gefrusteten Sekretärin drückt sich durch den Türspalt. Ihre geröteten Wangen und der glasige Blick lassen darauf schließen, dass sie sich zum Frustabbau heute Morgen bereits einen genehmigt hat. Auch die nun hereinwehende Alkoholfahne unterstreicht meine Theorie. Spießer-Rektor scheint das nach jahrelanger Zusammenarbeit  nicht mehr aufzufallen. Er lächelt sie an und fragt überraschend authentisch: „Was gibt es meine Liebe?“ Sie schleudert ihm ein Lächeln zurück: „Die Herren von der Kriminalpolizei sind da. Soll ich sie hereinbitten?“ Na wenn zwischen den beiden nichts läuft. „Geben Sie mit zwei Minuten, dann schicken Sie sie rein“, entgegnet er wieder. Als sich der Rektor schlagartig ernst. „Bevor Sie mit den Beamten sprechen, möchte ich Ihnen noch einen Rat geben: Sagen Sie denen die Wahrheit. Es bringt nichts, etwas abzustreiten oder irgendwen zu decken, indem Sie sich opfern. Und wenn sie irgendwann meine Hilfe brauchen, sagen Sie es nur. Ich bin schließlich dazu da, meinen Schülern zur Seite zu stehen.“ Okay, das war jetzt aber mehr als merkwürdig. Erst geht er anscheinend davon aus, dass ich irgendwann verbrochen habe und dann bietet er mir großväterlich seine Hilfe an. Meine Alarmglocken läuten. Das bedeutet auf jeden Fall nichts Gutes. Nachdem ich nichts entgegne holt schon Luft für den nächsten Versuch, mir irgendetwas zu entlocken, indem ich mich ihm anvertraue, doch da wird auch schon die Tür geöffnet und herein treten – nein, keine uniformierten Beamten mit Handschellen im Anschlag, sehr zum Leidwesen des Rektors – zwei Männer, vielleicht Mitte Dreißig. Der eine trägt lässige Jeans und eine hellbraune Lederjacke, der andere einen langen schwarzen Mantel. Ich verkneife mir den Matrix-Kommentar und warte ab. Sie gehen auf den Rektor zu, der beiden lächelnd die Hand entgegen streckt. „Rektor Schubert, angenehm“, schleimt er drauf los. Der Matrix-Typ geht zielstrebig auf ihn zu, schüttelt die Hand und sagt in diesem lässigen Bullenton: „Brenski und Feldmann, Kriminalpolizei, angenehm.“  Da den Förmlichkeiten nun Genüge getan wurde, wenden sie sich mir zu.

5.5.12 16:57

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