Kapitel 3

Zu Hause angekommen lasse ich mich auf mein Bett plumpsen. Eine kleine Pause hab ich noch, bis Mama und Papa nach Hause kommen. Bis dahin kann ich mir noch ein paar gute Ausreden einfallen lassen, warum ich heute in das Büro des Rektors zitiert wurde und nicht bereit war, auch nur einer Menschenseele Auskunft zu geben über den genauen Grund dieses Treffens. Die Buschtrommeln waren mit Sicherheit schon bis zu ihnen vorgedrungen. Daran hatte ich keine Zweifel. Im Zeitalter von SMS, whatsapp, Facebook, Twitter und dem ganz oldschoolmäßigen Telefonieren wusste sicher meine Oma bereits davon. Ich mein Hirn arbeitet noch immer unaufhörlich. Ich denke an das Büro des Rektors. Und an das, was vorgefallen war.                                                                                           Gleich zu Beginn der Unterhaltung hatte ich gemerkt, dass ich meinen Sarkasmus und meine Kommentare besser unter Verschluss halten würde. Die beiden Kommissare setzen sich auf die Tischkante des Schreibtischs von Penner Schubert, den ich nun nicht mehr sehen kann. Der Matrix-Typ mustert mich von oben bis unten, doch keiner sagt was. Ich blicke von links nach rechts und warte auf einen Anfang oder eine Ansage oder irgendwas. Als ich es dann nicht mehr aushalte, sage ich dann in meiner Nervosität den denkbar blödesten Satz: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, dabei wollte ich meine Aufmüpfigkeit doch stecken lassen. Ich beiße mir innerlich auf die Zunge. Der Matrix-Typ, Brenski, lächelt und verschränkt die Arme vor der Brust. „Das hoffe ich“, sagt er schließlich. „Hast du eine Ahnung, warum wir mit dir reden wollen?“, fragt der Beamte in einem sachlichen Ton. Da ich mich wieder nicht zurückhalten kann, sprudelt es nur so aus mir heraus: „Also meine erste Theorie war, dass der Rektor an mir ein Exempel statuieren will, um dem unerlaubten Benutzen der Lehrerparkplätze  entgegenzuwirken, aber dafür würde er bestimmt Männer in Uniform anfordern.“ Bevor ich mich stoppen kann, ist es auch schon raus. Der andere, Feldmann, unterdrückt ein Lachen und verpackt es in einen Hustenanfall, worauf er von seinem Kollegen einen tadelnden Seitenblick erhält. Dieser wendet sich nun wieder mir zu: „Der Grund, aus dem wir hier sind, ist kein sehr lustiger Grund. Eine deiner Mitschülerinnen ist verschwunden und die einzige Person, mit der sie in letzter Zeit sozialen Kontakt gehabt hat, bist du.“ Mir wird schlagartig schlecht. „Miri“, stammele ich. „Was ist los mit ihr? Was ist passiert?“                                

Von da an nahm ich alles nur wie durch einen dichten Nebel wahr. Jetzt, wo ich auf meinem Bett liege kommt mir das alles so unwirklich vor.                                                                                                 

Die zwei Männer erzählten mir dann, dass Miri Samstagabend mit ihrem Hund draußen war, wahrscheinlich in dem nahe gelegenen Wäldchen hinter Miris Haus. Doch sie sei nicht zurückgekommen. Nach zwei Stunden sei der Hund vor Haustür  aufgetaucht, total durch den Wind. Ich kannte Miris Hund. Ich glaube, er hieß Milo. Er war gut erzogen und sprang niemanden an oder schlabberte einen ab, wie diese verzogenen Misttölen, die Tussis in ihren Handtaschen rumtragen. Doch der Milo, der vor der Haustür aufgetauchte, war nicht mehr wieder zu erkennen. Er kläffte nur noch und rannte durch die Gegend. Am Ende musste man ihn betäuben. Aber von Miri keine Spur. Selbst als am nächsten Tag das Gebiet weiträumig abgesucht wurde, konnte man nichts finden. Die Suchhunde fanden nicht mal mehr eine Spur von ihr.                                                                                             Mir wurden die üblichen Fragen gestellt: Ist Ihnen was aufgefallen? Hatte Miri Feinde? Benahm sie sich anders in letzter Zeit? Doch was sollte ich dazu sagen? Die Umschreibung „sozialer Kontakt“ passte nicht so richtig. Miri ist sonderbar. Ich zwinge mich „ist“ und nicht „war“ zu denken. Miri ist sonderbar. In der zehnten Klasse waren wir Partner bei der Schülerzeitung. Eigentlich kenne ich sie ja schon seit der siebten, aber ich hatte nie was mit ihr zu tun. Sie ist eben sonderbar. Sie trug immer schwarze Emoklamotten und zeigte nie Interesse an den gängigen Modetrends. Und sie war immer allein. Bis auf die Zeit bei der Schülerzeitung. Sie schrieb die Artikel und ich machte die Fotos. Drei Jahre lang. Ein paar Mal war ich bei ihr zu Hause gewesen. Wir gingen die Bilder und Artikel durch und stellten die Seiten zusammen. Aber das war’s dann auch schon.

Sie war so verschlossen und in sich gekehrt, dass jeder Versuch, ein Gespräch zu starten, im Sand verlief. Ich hatte nur deswegen  etwas mit ihr zu tun. Die Schülerzeitung. Und ich war ihr einziger sozialer Kontakt. Nach dem ich geendet hatte und die Polizisten keine Fragen mehr hatten, war das Ganze auch schon zu Ende gewesen.                              

Ich war nervlich total am Ende. Nach der Befragung ließ ich alle anderen Stunden ausfallen und flüchtete nach Hause. Mir wurde deutlich eingeschärft niemandem davon zu erzählen. Da niemand wusste, was mit Miri los war, konnte war es sicherlich besser, das Ganze zunächst unter Verschluss zu halten. Die Wohnungstür fiel zu. Meine Mama war zu Hause.

5.5.12 18:16

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